Energiewechsel

Oranienburg: Hintergrund „Kampfmittel in Oranienburg“ zur 200. Bombe am 14. Dezember 2016

Pressemeldung vom 30. November 2016, 14:23 Uhr

Am 14. Dezember wird voraussichtlich die 200. Bombe seit der Wende im Stadtgebiet Oranienburgs unschädlich gemacht. Im zweiten Weltkrieg wurden über 10 000 Bomben auf die Kreisstadt abgeworfen, um die damals ansässige Rüstungsindustrie zu treffen – viele der Bomben mit gefährlichem Langzeitzünder. Noch heute werden etwa 300 Bomben im Boden der Stadt vermutet. Viele Millionen Euro haben das Land Brandenburg und die Stadt Oranienburg seitdem in die Beseitigung der explosiven Kriegsaltlast gesteckt.

Von den bisher bekannten 199 Sprengbomben hatten 114 einen chemischen Langzeitzünder. 95 Bomben konnte der Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg (KMBD) bisher entschärfen, zwei Bomben sind selbst detoniert – und haben glücklicherweise nicht zu schweren Verletzungen in der Bevölkerung geführt. Seit 1991 bis heute wurden insgesamt an elf Tagen jeweils gleich zwei Bomben entschärft. Am 27. November 2015 waren es sogar vier. 23 Bomben mussten gesprengt werden, weil eine Entschärfung nicht möglich war. 81 Bombenkörper konnten ohne weitere Maßnahmen abtransportiert werden.

Zahlen und Fakten

25.09.2009: Bei der 150. Maßnahme musste eine 250-Kilogramm-Bombe amerikanischen Typs mit chemischem Langzeitzünder auf dem Grundstück Weißenfelser Straße/Gefahrenlage 5 gesprengt werden.

Seit der Wende gab es zwei Wasser-Sprengungen: am 3. Mai 1993 wurde eine amerikanische Bombe mit chemischem Landzeitzünder im Lehnitzsee gesprengt. Mehr als zehn Jahre später, am 9. Dezember 2005, wurde eine Bombe gleichen Typs in der Havel gesprengt.

Besonders eindrucksvoll waren Öffnungen unter Gebäuden z.B. in einer Kita in der Kitzbühler Straße, in einem Wohnblock in der Straße „Zum Schloßpark“ oder in der Albert-Buchmann-Straße. Das heißt, es wurde im Keller eine mehrere Meter tiefe Grube gegraben, um die Anomalie zu bestimmen und ggf. eine festgestellte Bombe zu entschärfen. Die schwierige Entschärfung unter dem Hauptheizhaus der Stadtwerke am 9. November 1997 war auch ein solcher Fall.

Am 18. September 1997 wurde eine 250-Kilogramm-Bombe in einem Hortgebäude in der Innsbrucker Straße entschärft. Sie lag in wenigen Metern Tiefe direkt unter einer Treppe, über die die Kinder täglich liefen.

Mehrere Sprengmeister arbeiten seit der Wende beim KMBD daran, Oranienburg sicherer zu machen: u.a. Horst Reinhardt, Hans-Jürgen Weise, Bernd Schäfer, Heino Borchert und André Müller.

Die längste Entschärfungsmaßnahme dauerte insgesamt 20 Stunden. Am 7. März 2000 wurde auf dem damaligen „Scanrub-Gelände“ an der Sachsenhausener Straße eine 500-Kilogramm-Bombe amerikanischer Bauart gesprengt. Der Sperrkreis wurde um 8 Uhr eingerichtet und um 2 Uhr nachts (am 08.03. 2000) aufgehoben. Die Entscheidung zur Sprengung erfolgte erst um 14:45 Uhr.

Knapp 16 Stunden (15 Stunden, 42 Minuten) dauerte die Entschärfungsmaßnahme auf dem Grundstück Havelufer 24 im Ortsteil Lehnitz am 27. November 2015. Hier wurden insgesamt vier 250-Kilogramm-Bomben entschärft, die in einer Tiefe von 6,50 bis 7,50 Metern im Boden lagen. Der Sperrkreis wurde um 8:30 Uhr eingerichtet und konnte erst um 0:12 Uhr aufgehoben werden.

Die höchste Anzahl an betroffenen Einwohnern betrug 12.000. Diese mussten bei vier Entschärfungen den entsprechend eingerichteten Sperrkreis verlassen – drei davon zuletzt in diesem Jahr (Lindenring 2 und 3 am 04.12.2013, Lehnitzstraße 73 am 24.02.2016, 20.04.2016, 30.06.2016).

In bis zu elf Metern Tiefe wurden Bomben in Oranienburg gefunden: Auf dem Grundstück „Kuhwiese“, einer Brache zwischen Rhein- und Ruhrstraße, war das der Fall. Dass Bomben besonders tief in den Boden eindringen konnten, liegt vor allem an der Bodenbeschaffenheit im wasserreichen Oranienburg: In den Niederungen von Gewässern haben Experten höhere Eindringtiefen als in anderen Böden festgestellt.

Kosten: Das Land Brandenburg gibt durchschnittlich die Hälfte der Sachmittel für die Kampfmittelsuche, ca. vier Millionen Euro, allein für Oranienburg aus. Die Stadt Oranienburg hat 2017 ebenfalls vier Millionen Euro im Haushalt eingestellt, 2016 belaufen sich die Kosten auf 2,6 Millionen Euro (jeweils ohne Personal). Im Vergleich dazu: Der Bund hat zugesagt von 2016 bis 2019 60 Millionen Euro bundesweit für die Beseitigung von alliierter Munition einzusetzen.

Seit 2000 sucht die Stadt Oranienburg systematisch die Stadt nach Kampfmitteln ab. Dafür werden jährlich Prioritätenlisten fortgeschrieben. 2008 wurden im sogenannten „Spyra-Gutachten“ für das Oranienburger Stadtgebiet 10 Gefährdungsklassen definiert, wobei die Gefährdungsklasse 10 die höchste Stufe darstellt und 1 die niedrigste. Priorität hat demnach zunächst das am meisten gefährdete Kerngebiet Oranienburgs, das von Kampfmitteln befreit werden muss.

Hintergrund

Was sind überhaupt chemische Langzeitzünder (LZZ) und wie funktionieren sie?

„Die Funktionsweise der chemischen LZZ beruht auf der chemischen Zersetzung eines Zelluloidringes im Zünder, mit dem der federgespannte Schlagbolzen arretiert ist. Der Zelluloidring konnte zur Verzögerungs- bzw. Laufzeitverlängerung des Zünders mit Zelluloidscheiben verstärkt werden. Die chemische Zersetzung der Schlagbolzenarretierung wurde beim Abwurf der Bombe durch die Zerstörung einer acetongefüllten Glasampulle initiiert. Ein Filzkörper über der Schlagbolzenarretierung soll das Aceton aufsaugen und es mit den Zelluloidscheiben bzw. dem -ring in Kontakt bringen. Ist der chemische Zersetzungsprozess des Zelluloids soweit fortgeschritten, dass die Schlagbolzenarretierung der Federspannkraft nicht mehr widerstehen kann, schnellt der Schlagbolzen zum Zündhütchen. Das Zündhütchen entzündet sich und überträgt die freigesetzte Energie auf die Übertragungsladung, welche die Zündung der Hauptladung der Bombe initiiert“. (aus dem Spyra-Gutachten, S. 89 mit Abb.)

Wieso haben die Großbomben mit Langzeitzünder nicht gezündet?

1. Grund: Aufgrund einer Fehlfunktion im Zünder kam es zur Unterbrechung des Zündvorgangs, dadurch erfolgte keine Auslösung. 2. Grund: Die Auflösung des Zelluloidringes wurde verlangsamt. Dies ist auf die Lage der Bombe nach Eindringen in den Boden zurückzuführen (Spitze nach oben). Vermutlich führt die Lage der Bombe dazu, dass das Aceton keinen direkten Kontakt mit dem Zelluloidring hat, sondern nur über die Gasphase auf das Zelluloid wirkt.

Was ist daran so gefährlich?

Zelluloid unterliegt einem Alterungsprozess. Das Material wird brüchig. Das Zelluloid wurde durch die Acetongase angegriffen und dadurch stark an- bzw. fast aufgelöst. Der Zünder ist nach wie vor intakt.

Mehr Hintergrund-Informationen finden Sie auf unter www.oranienburg.de > Bürgerservice > Kampfmittelsuche. Hier gibt es auch einen Link zum „Spyra-Gutachten“.

Hinweis: Am 14. Dezember wird es am Nachmittag nach der Entschärfung einen Pressetermin vor Ort geben mit der Möglichkeit, die entschärfte Bombe zu filmen/fotografieren und mit dem Sprengmeister zu sprechen. Es besteht zudem die Möglichkeit, die Feuerwehr bei der Kontrollrunde zu begleiten. Bitte dafür unter zamecki@oranienburg.de anmelden. Los geht es um 8 Uhr an der Hauptfeuerwache, Julius-Leber-Straße 25, Oranienburg.

Quelle: Stadt Oranienburg

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