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Teltow-Fläming: Denkmal des Monats

Pressemeldung vom 1. Dezember 2016, 16:55 Uhr

Im Glockenturm an der Kirche Niebendorf hängt eine alte Bronzeglocke, die man 1924 von der benachbarten Kirchgemeinde Heinsdorf abkaufte. Die Glocke ist 94 Zentimeter hoch und weist einen Mündungsdurchmesser von 62 Zentimetern auf. Der Eisenklöppel stammt aus der Neuzeit. Anlässlich der Restaurierung im Jahr 2013 wurde die Untere Denkmalschutzbehörde darauf aufmerksam, dass die Glocke eine Umschrift und mehrere Zeichen aufweist.

Geheimnisvolle Umschrift Die Umschrift besteht ausschließlich aus Großbuchstaben, die als so genannte gotische Majuskeln ausgeführt sind. Die Buchstaben sind zwischen 4,0 und 4,3 cm hoch. Das Spruchband wird oben und unten durch waagerechte Wülste mit einem Abstand von 7 cm begrenzt. Mehrere Buchstaben sind in einem Winkel von 45° oder 90° gedreht und einige Buchstaben sind gespiegelt. Bringt man die Buchstaben in die richtige Position, erschließt sich die Umschrift schnell: AVE MARIA GRACIA PLENA (zu Deutsch: „Gegrüßest seist du, Maria, voll der Gnade“). Dabei handelt es sich um den Anfang eines katholischen Gebets. In der gesamten Umschrift der Glocke gibt es keinen Abschnitt, der als Leerstelle interpretiert werden kann. Man hat sich damals bemüht, eine laufende Umschrift zu schaffen. Die 45°-Drehung des „E“ beim AVE und des G beim GRACIA ist wahrscheinlich gewollt, um Platz auszufüllen.

Ein Pilgerzeichen auf der Glocke? Außer dem Spruch gibt es insgesamt fünf bildliche Darstellungen: ein rundes erhabenes Medaillon mit glatter Oberfläche, ein rundes Medaillon mit einem Blumenmotiv, die Darstellung eines Rades mit sechs Speichen, ein Malteserkreuz und einen Kreis mit einer dreifigürigen Kreuzigungsgruppe darin. Beim letzteren Zeichen handelt es sich wahrscheinlich um den Abguss eines Pilgerzeichens. Pilgerzeichen auf mittelalterlichen Glocken sind keine Seltenheit. Sie sind der Beweis für eine erfolgreich vorgenommene Pilgerfahrt, von der man das lokal hergestellte Pilgerzeichen mitbrachte. Das Eingießen in eine Glocke wurde bewerkstelligt, indem man das Pilgerzeichen in den noch weichen Ton der Gussform eindrückte. Beim Glockenguss ergab sich das erhabene Motiv auf der ansonsten glatten Oberfläche. Früher nahm man an, dass sich mit dem Klang der Glocke die heilsbringende Wirkung des Pilgerzeichens in die Umgebung ausbreitete. Neben der Inschrift befindet sich auf der Niebendorfer Glocke zwischen zwei Medaillons ein singulärer Buchstabe – ein „C“. Aufgrund fehlender Parallelen muss vorerst offen bleiben, ob es sich dabei um das Zeichen des Glockengießers oder des Stifters der Glocke handelt.

Mittelalterliches Kleinod überdauerte Jahrhunderte Will man die Glocke datieren, kann man dies nur über die Stilistik der Buchstaben tun. Die Umschrift in Form von Majuskeln verweist auf das späte Mittelalter, denn im 14. Jahrhundert vollzog sich der Wechsel von Majuskeln zu Minuskeln, also von Groß- zu Kleinbuchstaben. Die Glocke kann somit in das späte 13. oder frühe 14. Jahrhundert datiert werden. Es ist ein kleines Wunder, dass dieses mittelalterliche Kleinod weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen wurde und so bis auf die heutige Zeit erhalten blieb. Nach der Restaurierung präsentiert sich die alte Glocke von Niebendorf im neuen Glanz und lohnt wie die Feldsteinkirche in Niebendorf einen Besuch.

Quelle: Landkreis Teltow-Fläming

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